Schrecksekunde
Die Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria
Die Engel der Bibel erscheinen als mächtige Boten Gottes, die oft Furcht und Schrecken verbreiteten, wenn sie Menschen begegneten.
Als Gabriel zu Maria gesandt wurde, war das nicht anders. “Maria erschrak“, heißt es im Lukas-Evangelium. Das war für mich die Situation, die ich gestalten wollte: das Erschrecken.
Für Maria waren sowohl der Bote als auch die Botschaft erschreckend. Was auf diese Weise in die Enge ihrer Welt einbricht, ihr Leben und den Gang der Weltgeschichte fundamental verändern wird, lässt sie zunächst verängstigt zurückweichen. Der fast senkrecht in den Raum stürzende, zum Teil über den Rahmen hinausragende Engel ist Verweis auf Gottes gewaltigen Eingriff in unsere Welt.
Marias Erschrecken drücke ich dadurch aus, dass sie in der äußersten Ecke ihrer Behausung mit dem Rücken zur Wand sitzt und mit beiden Händen den Engel abwehrt. Dieser sprengt mit seinem Auftrag die Grenzen rationalen Denkens und menschlicher Furcht. Das langgestreckte, enge Hochformat meiner Skulptur ist ein Bild für ihre Angst – das Wort „Angst“ kommt von „Enge“ - und ist auch eine kritische Anspielung auf unser enges, kleinkariertes Denken, das von Wissenschaftsgläubigkeit geprägt ist und keinen Raum lassen möchte für Ereignisse, die wir rational nicht erklären können.
Die Ankündigung einer Schwangerschaft musste Maria zutiefst erschrecken. Sie war noch mit keinem Mann zusammen, wie sollte sie zu einem Kind gekommen sein? Erschreckend auch das jüdische Recht, das bei einer außerehelichen Schwangerschaft als Strafe die Steinigung vorsah. Auch die Erklärung des Engels erschreckte Maria, weil sie die gewaltige Größe ihrer Berufung ahnte: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“
Der Schatten des Höchsten, dessen Bote der Engel ist, hat sie wie eine Wolke schon erreicht und verbindet beide miteinander. Das ist ein wesentlicher Teil meiner Skulptur. Im Alten wie im Neuen Testament ist die Wolke immer das Bild für Gott, der sich zeigt, indem er nicht sichtbar ist. Eine Wolke steht über der Bundeslade, und bei der Himmelfahrt Jesu entzieht eine Wolke das Wesentliche den Blicken.
Marias Größe besteht darin, dass sie nach der anfänglichen „Schrecksekunde“ Gottes Boten glaubt und sich letztendlich vertrauensvoll dem Anruf Gottes stellt. Dass Maria bereit ist, Gott in ihr Leben zu lassen, Gott darin Raum zu geben, ist mehr, als nur den Engel Gabriel hereinzulassen und seine Botschaft zu hören.
Meine Skulptur „Schrecksekunde“ wurde am 18. Mai 2014 feierlich in der Kirche „Mariä unbefleckte Empfängnis“ in Eckenhaid bei Forth durch Pfarrer Andreas Hornung geweiht. Vielleicht animiert sie dazu, wie Maria im ganz normalen Alltag sensibel zu werden, ganz Ohr zu sein, für den Anruf Gottes?
Heimo Ertl
Der „Ossenritter“ und Kaiser Barbarossa
1919 gründeten die Einwohner von Uder den Brauch, den Kirmesumzug durch den „Ossenritter“ anzuführen, einen Reiter in Frack und Zylinder auf einem Ochsen. Diese Tradition wird bis auf den heutigen Tag bei jeder Kirmes fortgeführt.
Der „Ossenritter“ aus Bronze wurde am 26. Juli 2009 zum 90. Jahrestag im Rahmen eines großen Fests im neu gestalteten Park an der Leine von Ministerpräsident Althaus und Bürgermeister Martin enthüllt und erfreut sich im Dorf und bei den Touristen weiterhin großer Beliebtheit.
Dass ich in meinem Geburtsort Uder auf Einladung von Bürgermeister Martin und Gemeinderat dieses Denkmal– und ein Jahr später eine kleinere Version davon für das neue Gemeindezentrum - schaffen durfte, betrachte ich als besondere Ehre und freue mich noch heute darüber.
Was hat es mit dem „Ossenritter“ auf sich?
„Osse“ ist im Eichsfelder Platt die Bezeichnung für Ochse.
Die Ortssage erzählt, dass Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, (1122-1190) im heutigen Heilbad Heiligenstadt 1153 Station machte und Ritter für seinen Kreuzzug nach Jerusalem zusammenzog. Dort ließ er Turniere veranstalten, um die Ritter für die bevorstehenden Kämpfe militärisch zu ertüchtigen. Uders Dorfschulze Franzhans Hase war als häufiger Augenzeuge davon so begeistert, dass er den Kaiser fragte, ob er ihn nicht auch in den Ritterstand erheben könnte. Auf des Kaisers Frage, ob er denn ein Pferd besitze, antwortete Franzhans Hase, bei ihm im Dorf gäbe es nur Ochsen als Zug- und Reittiere. Das amüsierte Barbarossa, und er hieß den Bittsteller am nächsten Tag auf seinem Ochsen nach Heiligenstadt zu kommen. Dort schlug er ihn mit einer saftigen Maulschelle zum Ritter von der Uhlenburg, was dieser stolz seinen Dorfbewohnern verkündete. Fortan, so die Sage, veranstaltete der neugebackene Ritter in Uder jährlich Turniere, bei denen die Bauern auf ihren Ochsen mit Dreschflegeln und Knüppeln aufeinander losgingen. Die Bewohner von Uder werden noch heute scherzhaft „Ossenritter“ genannt.
Heimo Ertl
Der Effeltricher Georgi-Ritt
Effeltrich in Oberfranken am Rande der Fränkischen Schweiz ist berühmt für seine prächtige Kirchenburg St. Georg (Mitte 15. Jh.) und seine 1000jährige Linde, beides mitten im Dorf. Dort findet jedes Jahr am Ostermontag der Georgi-Ritt statt. Kamen früher die Bauern mit ihren Ackergäulen, sind es heute überwiegend die Reitervereine mit ihren großen und kleinen Mitgliedern, die Effeltrich aufsuchen, um Gottesdienst, Pferdesegnung und Ritt rund um die Kirche und die 1000jährige Linde mitzuerleben. Begleitet von Musikern des Effeltricher Musikvereins hält der Pfarrer hoch zu Ross eine kleine St. Georgsreliquien-Monstranz in der Hand. Burschen in Tracht tragen eine über 500 Jahre alte Figur unseres Kirchenpatrons St. Georg, Frauen in Festagstracht und mit „Brautkronen“, dem „Hohen Kranz“, führen eine Marienstatue mit. Zum Umritt und der nachmittäglichen Prozession kommen jedes Jahr Hunderte von Besuchern, welche die farbenprächtigen Trachten bewundern.
Der Georgi-Ritt wurde erst 1936 von Kuratus Georg Jung eingeführt – drei Jahre nach der Machtergreifung Hitlers. Damit setzte er ein deutliches christliches Zeichen: Der heilige Georg als tapferer Offizier und Blutzeuge des christlichen Glaubens soll Vorbild für alle sein, gegen Lüge und für Freiheit und Recht zu kämpfen.
Bis 1979 saß Geistlicher Rat Georg Jung jedes Jahr beim Georgi-Ritt im Sattel, mit 82 Jahren! Sein Nachfolger Pfarrer Albert Löhr setzte dies und die Traditionspflege fast 40 Jahre fort. Als der Pfarrgemeinderat vor seinem Ruhestand von der Erzdiözese gefragt wurde, welche Wünsche man an einen neuen Pfarrer von Effeltrich habe, lautete eine der Antworten, er dürfe weder Angst vor Pferden noch eine Pferdehaar-Allergie haben. Seit 2021 ist es Pfarrvikar Tobias Fehn, der diese Voraussetzungen erfüllt und auch als Reiter eine prächtige Figur macht.
Heimo Ertl
Don Quijote und Sancho Pansa
Der Roman "Don Quijote" von Miguel de Cervantes wurde gleich nach der Erstveröffentlichung zu Beginn des Jahres 1605 ein Verkaufsschlager. Heinrich Heine, der Cervantes als den „Stifter des modernen Romans“ sieht, hielt Don Quijote gut 230 Jahre später noch für „den besten Roman“ aller Zeiten. Heute ist die berühmte Satire gegen den damals so beliebten Ritterroman in über 70 Sprachen übersetzt, in über 2400 Auflagen!
Meine Skulptur zeigt die Hauptpersonen, den langen, dürren Don Quijote auf seinem ausgemergelten Klepper Rosinante und, auf dem Esel, seinen kleinen, beleibten Diener Sancho Pansa. Sein Kampf gegen die Windmühlen ist die bekannteste Episode des Romans. Don Quijote hält eine Zeichnung in der Hand mit einer Windmühle und zeigt in die Ferne, wo er „dreißig bis vierzig“ von ihnen sieht. Trotz der Warnungen seines gestikulierenden Dieners hält er die Windmühlen mit ihren drehenden Rädern für Riesen, die mit ihren Armen fuchteln und die er zu bekämpfen hat. Wie in fast allen Kämpfen unterliegt er auch hier, was er bösen Mächten zuschreibt. Unsere Redewendung „gegen Windmühlen kämpfen“ geht auf diese Episode zurück und ist Ausdruck für einen aussichtslosen Kampf gegen einen eingebildeten Gegner.
Cervantes parodiert Don Quijote als einen der exzessiven Lektüre der damaligen Ritterromane verfallenen Leser, der nicht mehr zwischen Dichtung und Wirklichkeit zu unterscheiden vermag und förmlich den Verstand verliert. Das belustigte schon seine zeitgenössischen Leser, für die Ritterromane längst überholt waren, so wie sich auch der Ritterstand im Niedergang befand. Hinzu kam die aktuelle Brisanz, dass der damalige Machtverlust der Aristokratie zusammenhing mit dem rasanten technischen Fortschritt beim Mühlenbau. Wegen des zunehmenden Wassermangels wuchs die Zahl der Windmühlen in atemberaubendem Tempo.
Heimo Ertl
Martin Weinrich
Lehrer und Heimatdichter
Den Auftrag für ein Martin-Weinrich-Denkmal erhielt ich 2014 von Bürgermeister Martin und dem Gemeinderat Uder und von der Vorstandschaft des Martin-Weinrich-Vereins Uder. Es sollte ein Jahr später zum Andenken an seinen 150. Geburtstag und 90. Todestag vor dem Vereinshaus und Ortsmuseum an der Straße der Einheit in Uder enthüllt werden.
Wer war Martin Weinrich?
Martin Weinrich (1865 – 1925) wird zu Recht als „erster Eichsfelder Dialekt-Dichter von Rang“ bezeichnet. Geboren in Uder, schrieb er den größten Teil seiner Werke erst nach seiner Pensionierung in Heiligenstadt, wo er auch begraben liegt.
Seine Zeitgenossen beschreiben Martin Weinrich als „Vorbild eines mustergültigen katholischen Lehrers in Amt, Gemeinde und Staat“. Sieben Jahre unterrichtete Weinrich in Dingelstädt und 26 zum Teil schwere Jahre in Magdeburg-Neustadt. Er sah seine Berufung nicht darin, als Pauker seinen Schülern Wissen einzutrichtern. Als zutiefst gläubiger Mensch wollte er charaktervolle, glaubensstarke junge Menschen heranbilden. Als „Apostel der Diaspora“ wird er in seinen Magdeburger Jahren bezeichnet. Sein pädagogisches Motto: Besser als jede Predigt ist das vorgelebte Beispiel. Und so ging er fast 33 Jahre vollständig im Dienst für seine Schüler auf.
Sich ständig verschlimmernde schwere Herz- und Nervenerkrankungen zwangen ihn im Alter von 53 Jahren in den Ruhestand, den er in Heiligenstadt verbrachte. Im dortigen Vinzenz-Verein setzte er sich gleichwohl bis zu seinem Tod 1925 mit schier unermüdlicher Hilfsbereitschaft für die Armen und Notleidenden ein.
Seine Bescheidenheit zeigte sich auch in seinem testamentarisch geäußerten Wunsch nach einem schlichten Holzkreuz auf seinem Grab. Das fand aber bei den Nachfahren kein Gehör. Heiligenstadt ehrte seinen berühmten Sohn mit einem Grabstein aus Eichsfelder Muschelkalk und benannte eine Straße nach ihm, Uder setzte ihm ein Denkmal aus Bronze.
Martin Weinrichs Dichtung
Martin Weinrich bezeichnete seine Gedichte („Schnurren“) selbst als „Kinder des Eichsfelder Humors“. Die heiter-nachdenklichen kleinen Werke zeichnen sich aus durch eine Kombination von witziger Kritik und nachsichtiger Warmherzigkeit, durch Menschenkenntnis und sensible Beobachtungsgabe.
Wie kam es zur Veröffentlichung seiner Werke?
Als Vorstandsmitglied des Heiligenstädter „Vereins für eichsfeldische Heimatkunde“ stimmte er auf Drängen von Freunden einer Veröffentlichung seiner Gedichte zu. Drei Ziele wollte er nach seinen eigenen Worten damit erreichen, nämlich:
- „Heimatliebe und Heimatfreude wecken und fördern,
- unser altes liebes Eichsfelder Platt wieder zu Ehren bringen und
- die drückenden Alltagssorgen wenigstens zeitweise verscheuchen“.
„Drückende Alltagssorgen“ hatten die Menschen seiner Zeit genug – nicht nur während der Schrecken des 1. Weltkriegs und in den folgenden Jahren wirtschaftlicher Not. Weinrichs kleine eichsfeldischen Episoden mit humoristischen Anspielungen auf angebliche historische Ereignisse waren in den meisten Fällen schlicht erfunden, führten oft zurück in die „gute alte Zeit“ und sollten den Lesern einfach Freude bereiten.
Das Eichsfelder Platt, das er „wieder zu Ehren bringen wollte“, war - wie andere deutsche Dialekte auch - schon zu Weinrichs Zeiten auf dem Rückzug. Das hing mit der rasch verbreiteten und weithin akzeptierten neuhochdeutschen Schriftsprache Luthers zusammen, mit rasant wachsender Mobilität aufgrund der Industrialisierung, mit der zunehmenden Schulpflicht und einigen anderen Einflüssen, die zu einem landesweiten Dialektsterben führten.
Das Motiv „Heimat“
Der Dialekt war im zersplitterten, politisch oft kleinräumig strukturierten Deutschland die zwanglose Umgangssprache, die Identität stiftete und Zugehörigkeit und Heimat vermittelte. Es ist kein Zufall, dass mit Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Regionen Vereine gegründet wurden, die – wie Weinrich – „die lieben alten Dialekte wieder zu Ehren bringen“ wollten.
Das Platt als Sprachraum, in dem man das Beheimatet-Sein akustisch und gefühlsmäßig erleben kann, war für Weinrich ebenso wichtig wie sein immer wieder poetisch aufgegriffenes Motiv „Heimat“. Er selbst hat in den 26 Jahren in Magdeburg schmerzlich die Trennung von seiner Heimat erfahren. Er hat darunter gelitten, dass die Landschaft so anders war und die Menschen dort so anders sprachen als in seiner Heimat. „Du wirst nur da die Heimat finden, / Wo's gleichgesinnte Herzen gibt“, schrieb Emil Ritterhaus zu Lebzeiten Weinrichs. Für Weinrich schlugen die „gleichgesinnten Herzen“ im Eichsfeld, wo man Platt sprach.
Auch im Eichsfeld ist heute die Gefahr des völligen Verschwindens des umgangssprachlichen Platts nicht gebannt. Immer weniger Menschen sprechen es. Viele jüngere verstehen es nicht einmal mehr, wenn Ältere „Platt storien“, wie meine Tante Annchen Hünermund das nannte. Ich fand es eine großartige Idee, dass im Rahmen von Uders 925-Jahrfeier Grundschüler in der Schule als neues Fach Platt hatten und beim Festabend Gedichte auf Platt vortrugen. Ob es dieses Schulfach heute noch gibt? Weinrich hätte gewiss seine helle Freude daran!
Für das Denkmal habe ich die 1. Strophe von Weinrichs Gedicht
„D’rheimen äs d’rheimen“ ausgewählt. Es handelt von einem, der auszog, in der Fremde das Glück zu suchen. Aber immer wieder muss er mit Wehmut erfahren: Daheim ist halt doch daheim.
Heute können viele Menschen aus familiären oder beruflichen Gründen Heimat nicht mehr nur an einem festen geographischen Ort oder in einer bestimmten Region erleben. Man muss z. B. dahin ziehen, wo man Arbeit findet. Andere, global gesehen, sind millionenfach auf der Flucht und auf der Suche nach einer neuen, friedlichen Heimat. Für ihre Suche gilt wohl eher, was der römische Tragödiendichter Pacuvius im 3. Jh. v. Chr. geschrieben hat: Ubi bene, ibi patria – Wo es dir gut geht, da ist die Heimat.
Heimo Ertl
EUROPA LIEST DAS SCHENGEN-ABKOMMEN
In der griechischen Mythologie war die schöne, blutjunge Prinzessin Europa Tochter des Königs Agenor von Phönizien, einem schmalen Landstreifen an der östlichen Mittelmeerküste auf dem Gebiet der heutigen Staaten Israel, Libanon und Syrien. Täglich ging sie am Morgen mit ihren Begleiterinnen zum Strand von Sidon, um Blumen zu pflücken und zu spielen.
Göttervater Zeus, Affairen mit schönen Erdbewohnerinnen nie abgeneigt, sah das Mädchen und verliebte sich sofort in sie. Um den Blicken seiner eifersüchtigen Frau Hera zu entgehen und um Europas Aufmerksamkeit zu erregen, verwandelte er sich in einen weißgelockten Stier, näherte sich Europa, ließ sich von ihr streicheln und lud sie zu einem Ritt auf seinem Rücken ein. Kaum war sie aufgestiegen, eilte er zum nahe gelegenen Meer und brachte sie auf die Insel Kreta.
Dort verführte Zeus Europa, die ihm drei Söhne gebar: Minos, Sarpedon und Rhadamante. Später verheiratete Zeus Europa mit Asterion, dem König von Kreta, der sie mit Freuden aufnahm und ihre Söhne adoptierte.
Bei meiner Skulptur aktualisiere ich das mythologische Motiv durch einen Schuss Ironie, indem ich Europa auf des Stieres Rücken den Gesetzestext des Schengen-Abkommens studieren lasse. Dabei sitzt sie beängstigend wackelig und absturzgefährdet auf ihrem Reittier. Die Königstochter erkennt nämlich die Schwachstellen des Textes – die Bedeutung des griechischen Wortes „Europa“ ist schließlich „die Weitblickende“!
Dieses Abkommen, 1985 bzw. 1990 in Schengen (Luxemburg) unterzeichnet, betraf den schrittweisen Abbau der Kontrollen an den gemeinsamen Grenzen von 29 europäischen Ländern. Durch juristisch ungenaue oder nicht praxistaugliche Formulierungen zeigten sich bald die Nachteile des Abkommens, etwa bei der Sicherung der Außengrenzen, bei der Bekämpfung grenz-überschreitender Kriminalität und bei der ungleichmäßigen Verteilung der Verantwortung für Migration und Asylsuchende. An diesen „Baustellen“, so die Intention meiner Skulptur, muss europaweit gearbeitet werden, damit Europa auch in Zukunft „fest im Sattel sitzt“. „Weitblick“ ist nötig! Fürs Ganze, nicht für Partikularinteressen.
Heimo Ertl
Gerbershisser Heidelbeerjungs
Als „Väter“ oder Paten der Heidelbeerjungs sind gleich drei damals ehemalige oder amtierende Bürgermeister der Gemeinde Gerbershausen zu nennen: Martin Heinemann, Johannes Döring und Werner Kohlstedt. Die Idee, zum 800jährigen Gründungsjubiläum des Ortes den Spitznamen der Gerbershisser durch eine Skulptur gestalten zu lassen, so wie das Uder mit dem Ossenritter gemacht hatte, gewann durch die Überzeugungsarbeit dieser drei die Zustimmung des Gemeinderats.
2019 besuchte ich Gerbershausens zum ersten Mal. Beim traditionellen Puddingessen des Kirmesvereins lernte ich einen fröhlichen Brauch des einladend gepflegten Ortes und den gesellig-gesellschaftlichen Zusammenhalt der Einwohner kennen. Ein sehr sympathischer Eindruck und konstruktive Gespräche über das geplante Projekt! Erinnerungen an den eigenen Einsatz als Kinder beim Heidelbeersammeln kamen auf bis zu solchen Details, dass damals (fast) alle Jungs Lederhosen trugen. Den Begriff „kulturelle Aneignung“ kannte man da noch nicht.
Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens durch die Corona-Pandemie führte dazu, dass die fertige Figurengruppe der Heidelbeerjungs lange im Büro von Bürgermeister Döring stand, bis sie 2021auf dem Sockel montiert werden konnte, von ihm eigenhändig und handwerklich perfekt.
Die Enthüllung der Skulptur erfolgte zur Kleinen Kirmes am Patrozinium der St. Johanniskirche nach der heiligen Messe. Der geplante Festzug zu den etwa 200 Meter entfernten Heidelbeerjungs durfte wegen Corona nicht stattfinden. Der Zelebrant des Festgottesdienstes fand aber eine salomonische Lösung des Problems, wie die Kirchenbesucher zum Denkmal kommen konnten, ohne gesetzliche Vorgaben zu verletzen. Er sagte nach dem Schlusssegen: „Ich gehe jetzt mit den Ministranten zum neuen Denkmal. Vielleicht sind Sie dann auch zufällig dort?“ Es kamen alle. Es war ein schönes Fest. Ein Anstieg der Coronafälle im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Festakt war nicht festzustellen.
Heimo Ertl
Warum spielt David eine Konzertharfe?
Den Anstoß zu dieser David-Skulptur gab der Heilbronner Kunstsammler Dr. Helmut Matthes bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes, des Malers, Bildhauers und Glaskünstlers Professor Emil Wachter (1921 – 2012) aus Karlsruhe. Er beauftragte mich, „zur Erinnerung an Emil“, einen Harfe spielenden König David zu schaffen.
Für diesen Wunsch gab es zwei Gründe: Wachter hat David auf vielfältige Weise in Gemälden, Kirchenfenstern und Betonreliefs gestaltet, und er war ein großer Freund von Harfenmusik. Dazu eine kleine Episode. Emil Wachter erhielt am 10. November 2001 den Preis der Stiftung Bibel und Kultur. Die Übereichung der Auszeichnung fand im Rahmen einer öffentlichen Feierstunde in der Akademie CPH Nürnberg statt, die ich bis 2007 leitete. Ich hatte dazu den Harfenisten Volker Sellmann eingeladen, dessen Musik die Veranstaltung zum Fest machte.
Emil Wachter war zutiefst bewegt von seiner virtuosen Darbietung. In einer spontanen Dankesrede gestand er, dass er in der Harfenmusik „Jahrtausende mithöre, … David... und die alten Kulturen überhaupt. Harfenmusik ergreift mich immer im Innersten, weil ich in jedem Harfenisten David sehe“.
Erfahrung der Gleichzeitigkeit
von Gegenwart und biblischer Geschichte
Emil Wachters reflexartige visionäre Zusammenschau vom Interpreten und seiner mit allen Sinnen erfahrenen Musik und dem gleichzeitigen Bewusstsein ihrer mehrtausendjährigen Tradition bringe ich in der Skulptur zum Ausdruck. Und zwar formal dadurch, dass ich David nicht mit einer Harfe seiner Zeit, dem damaligen „Kinnor“ gestalte. Das wäre nur eine weitere Darstellung, wie man sie seit Jahrhunderten aus Bibel-Illustrationen kennt. Das Spezifische, an Emil Wachter Erinnernde, würde dadurch nicht ausgedrückt. Meinen König David als „Prototypen“ eines jeden Harfenisten, setzte ich deshalb „anachronistisch“ an eine moderne Konzertharfe. Somit bildet die Skulptur den geistigen und emotionalen Prozess ab, den Emil Wachter bei Harfenmusik immer wieder erlebt hat: nämlich die Gleichzeitigkeit der intensiv erfahrenen Gegenwart und die Begegnung mit der zentralen biblischen Gestalt des Königs David.
Heimo Ertl
„Wie einem Vogel...“
Die Skulptur „Wie einem Vogel die Hand hinhalten“ ist eine Hommage an die große Dichterin Hilde Domin (1909 – 2006), die vor allem als Lyrikerin und eine der bedeutendsten Vertreterinnen des „ungereimten Gedichts“ eine herausragende Stelle in der deutschen Literaturgeschichte einnimmt. Als sie 1995 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet wurde, nannte ihr Laudator Marcel Reich-Ranicki sie „eine Dichterin von enormer Klarheit, enormer Entschiedenheit und enormer Unabhängigkeit“.
Ihr Gedicht „Nicht müde werden“ ist beispielhaft für ihren lakonischen Stil und ihre meisterhafte Beherrschung der freien Rhythmen. Es fordert auf, zuversichtlich, mit Ausdauer und frei von Erwartungsdruck dem „Wunder“, dem Unerklärbaren, die Chance zu geben, sich zu ereignen. Der versonnene Blick meiner Statuette und das Vögelchen in ihrer Hand zeigen, dass das glücken kann:
Nicht müde werden
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten
Das Gedicht umfasst ganze fünf Zeilen, jeweils zwei mit drei Wörtern, die Mittelzeile mit nur einem Wort. Durch die Pause am Ende jeder Zeile und die Unterbrechung des Textverlaufs durch das Wort „leise“ in der Mitte wird das Gedicht meditativ „entschleunigt“, die Gefahr des Müde-Werdens“ verständlich, das erhoffte Wunder umso wunderbarer.
Hilde Domin widmete diese Verse 1992 Bernhard Vogel, dem damaligen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung und Ministerpräsident von Thüringen (5. 2. 1992 - 5. 6. 2003).
Von Hilde Domin stammt das Wort: „Wenn ich ein Gedicht geschrieben habe, ist es nicht mehr meins, sondern das des Lesers.“ Ich habe immer versucht, diese Einstellung meinen Literaturstudenten und -studentinnen weiterzugeben: Nämlich nicht zu fragen, „was will mir der Dichter mit seinem Werk sagen?“, sondern „was sagt MIR sein Werk?“
Vielleicht stellen Sie sich auch die Frage, und Hilde Domins Gedicht wird IHRES?
Heimo Ertl
Tierdarstellungen – beliebtes Motiv
Tierskulpturen habe ich von Anfang an sehr gern gestaltet. „Modelle“ standen dafür zunächst auf den Wiesen und in den Bauernhöfen meines oberfränkischen Wohnorts Effeltrich zur Verfügung. Später sammelte ich bei Safaris in Kenia oder auf einer Marokkoreise viele Eindrücke, die mich zur Gestaltung weiterer Skulpturen anregten. Dabei war die erste wichtige Aufgabe, die Proportionen durch genaue und anhaltende Beobachtung zu erfassen, eine „Schule des Sehens“ gewissermaßen, die den Blick schärfte für das Wesentliche des Erscheinungsbildes.
Einen wichtigen Tipp erhielt ich dazu von Kollegen der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, als beim Modellieren meiner Don Quijote-Skulptur Sancho Pansas Reittier mehr einem Hund ähnelte als einem Esel: „Anatomie studieren!“ lautete ihre Empfehlung, und zwar anhand des Standardwerks von Gottfried Bammes‘ „Anatomie für Künstler“. Dieses umfang- und inhaltsreiche Werk gehört seitdem zum unverzichtbaren Hilfsmittel meiner Arbeit.
Beobachtung und vorbereitende Recherche sind Teil der anregenden Vorfreude bei der Planung eines neuen Projekts und ermöglichen mir inspiriertes Arbeiten. Dabei strebe ich nicht fotorealistische Abbildungen an. Vielmehr reizt mich, eine Leichtigkeit in den Bewegungen bei Tier (und Mensch) auszudrücken, sodass sich der in der Bronze gestaltete Ansatz zum nächsten Schritt, zur folgenden Drehung beim Tanz, im Kopf des Betrachters und der Betrachterin tatsächlich vollendet.
Heimo Ertl
Zeitenwende
Das Schneckenhaus aus Perlmutt habe ich vor ein paar Jahren einem Straßenhändler in Lissabon abgekauft, schon damals mit dem Hintergedanken: Daraus lässt sich vielleicht einmal was Schönes machen! Die Gelegenheit kam 2022. Eine Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz inspirierte mich zu der kleinen Skulptur „Zeitenwende“: Ein Jockey, der auf einer Schnecke sitzt und sie mit der Peitsche zu schnellerer Gangart antreiben möchte.
Kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatte Olaf Scholz in einer Ansprache vor dem Deutschen Bundestag den Ausdruck „Zeitenwende“ benutzt: „Der russische Überfall auf die Ukraine bedroht unsere gesamte Nachkriegsordnung. Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ Die zum Teil schmerzhaften Folgen der völligen Neuausrichtung der deutschen Wirtschafts- und Energiepolitik zeigten rasch, wie Recht er mit dieser Voraussage hatte.
Zudem war gleichzeitig eine emotionale Wende bei vielen Menschen zu beobachten: Die wachsende Angst vor wirtschaftlichem Niedergang, gar vor einem dritten Weltkrieg, verlangte nach überzeugender Reaktion durch die Politik. Kein Wunder, dass politische Aussagen verstärkt betonten , dass es uns nach der Umsetzung einer Fülle notwendiger Reformen bald spürbar besser gehen werde. „Zeitenwende“ wurde als Chance zum Fortschritt verstanden. Vieles gelang tatsächlich gut, vieles kam nicht so voran, wie geplant. Deswegen als mahnender und um Verständnis werbender Untertitel das Zitat von Günter Grass: „Der Fortschritt ist eine Schnecke“.
Der Begriff "Zeitenwende" ist von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum „Wort des Jahres 2022“ gewählt worden, immer im Zusammenhang mit Olaf Scholz. Der Redlichkeit halber sei erwähnt, dass es Christian Doktor war, Chefredenschreiber des Bundeskanzlers, der den Ausdruck „Zeitenwende“ für die Ansprache „erfunden“ hat.
Heimo Ertl